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fimt. Forschungsinstitut für Musiktheater

Inszenierung von Macht und Unterhaltung – Propaganda und Musiktheater in Nürnberg 1920–1950

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Bühnenbild „Die Meistersinger von Nürnberg“ 1935 - Reichsparteitagsgelände Nürnberg

Ein Forschungsprojekt des fimt

Inszeniert wurde in der NS-Zeit nicht nur im Theater. Auch städtische Räume wurden zwischen 1933 und 1945 zur Bühne für politische Repräsentation und Machtdemonstration. Ästhetische und herrschaftliche Inszenierungsstrategien beeinflussten sich dabei gegenseitig: Während das Theater für die staatliche Propaganda instrumentalisiert wurde, so lernte das Regime in seiner Selbstdarstellung von der Theaterbühne.

Am Nürnberger Stadttheater (heute: Staatstheater) wird dies besonders gut sichtbar: Wenn die Aufführung von Wagners Meistersinger von Nürnberg den feierlichen Beginn des Reichsparteitages markierte, wenn das Reichsparteitagsgelände zur Vorlage für Operninszenierungen wurde und schließlich das Stadttheater im August 1944 seine Türen mit der Götterdämmerung schloss, so sind die Wechselwirkungen zwischen Bühnen-, Stadt- und Herrschaftsraum wie unter einem Brennglas versammelt. Es verwundert daher kaum, dass Hitler selbst das Stadttheater nachhaltig förderte und formte – indem er etwa eine umfassende Umbaumaßnahme anordnete, in deren Verlauf die prunkvolle Jugendstileinrichtung einer nationalsozialistischen Ästhetik weichen musste.

Mit diesen Wechselwirkungen zwischen öffentlichem Raum und Theaterbühne, zwischen künstlerischer und politischer Inszenierung beschäftigt sich das 2014 angelaufene und seit 2017 DFG-geförderte Forschungsprojekt. Es gilt zu beantworten, welchen Einfluss die Anforderungen des NS-Regimes an die Gestalt und Funktion von Kunst auch im Musiktheater hatten, wobei Nürnberg als besonders prädestiniert für die zu verwirklichenden Ideale gelten darf. So wie das Theater zu einem Instrument der NS-Kulturpolitik wurde, so wurde auch die Stadt selbst Funktionsträger städtischer, nationaler und nationalsozialistischer Selbstbespiegelung, die schließlich ihr Referenzwerk wiederum in den Meistersingern fand. Hier wie dort finden sich gleichsam gesamtkunstwerkliche Strategien.

Der Schwerpunkt der ersten Projektphase lag in der oral history. Die Arbeit mit Zeitzeugen, die einem Aufruf in der Nürnberger Presse im Juni 2014 gefolgt sind, trugen zum Forschungsprojekt mit Dokumenten wie Fotos, Zeitungsausschnitten und persönlichen Aufzeichnungen, sowie ihren eigenen Erinnerungen bei. Die so gewonnenen individuellen Erfahrungen und Eindrücke stellen für die Forschungsarbeit gleichermaßen eine methodische Herausforderung wie eine besondere Bereicherung dar. Ein Symposium zum Thema „Leichte Muse im Wandel der Zeiten“ untersuchte die Geschichte der Operette am Nürnberger Stadttheater, insbesondere im Hinblick auf ihre propagandistische Indienstnahme zur Unterhaltung und Zerstreuung der „Volksgemeinschaft“.

In der zweiten Phase, die im Januar 2017 angelaufen ist, werden die bisher gewonnenen Erkenntnisse vertieft und durch weitere Archivrecherchen ergänzt. Im Zentrum der zweijährigen Projektarbeit steht insbesondere die Vermittlung der Forschungsergebnisse an eine breite Öffentlichkeit im Rahmen eines Transfer-Projekts. Die mehrtägige Tagung „Hitler.Macht.Oper“ im Juni 2017 möchte aus interdisziplinärer Perspektive erste Zugänge zum Themenkomplex eröffnen. Gleichzeitig dient sie als Impuls zur Ausstellung, die im Juni 2018 im Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände in Nürnberg eröffnet wird. Hierbei wird versucht, die Verbindungen zwischen Theaterpraxis, urbaner Identität und politischer Machtausübung freizulegen.


Verantwortlich für die Redaktion: Tobias Reichard

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